Kapitel 11

Auweia. Zu tiefst erschrocken über den soeben gehörten Wichtelfunk, der nun den Megahit der Boyband laufen ließ, horchte Mama Sone bei diesen Nachrichten auf, so dass ihr abrupt die Suppenkelle aus der Hand glitt und zu Boden viel. Sie war grade dabei das Geschirr und die Töpfe vom Abendessen zu verräumen, während ihre Wangen vor Schreck und Aufregung glühten. Als sie zu ihrem im Sessel versunkenen Mann hinüberblickte, stellte sie fest, dass er aschfahl und gedankenverloren an seiner kleinen Zapfenpfeife zog. In kleinen runden Kringel Wölkchen atmete er den weißen Dunst in Richtung Decke, zwirbelte seinen lockigen grauen Bart und schüttelte traurig den Kopf. Hatte er tatsächlich etwas mit dem schwarzen Glitzer zu tun. Die beiden waren immer ehrlich und aufrichtig zueinander und sie würde ihre Hand dafür ins Feuer legen, dass Ditmar keine Geheimnisse vor ihr hatte.

Während Sone ihren düsteren Gedanken nachging, rannten die Zwillinge mit ihren hochroten Köpfen, wedelnden Armen und lautem Geschrei in die Küche und kreisten mehrfach um den runden Küchentisch, um ihre übereifrige Energie loszuwerden. Die beiden waren oft kaum zu bremsen und dadurch auch in der Schule sehr auffällig. Sie passten nicht wirklich in das System und die Gesellschaft, da sich die Welt der Wichtel aus ihrer Sicht als konservativ und spießig darstellte. Kreativ und selbstbewusst machten sie den tristen Schulalltag ein bisschen bunter, kämpften sich prinzipiell gegen den Hauptstrom und trieben die Lehrer tagtäglich in den Wahnsinn. Sie waren die geborenen Alphawichtel und das führte hauptsächlich zu Streit mit den Betawichteln. Unter den weiblichen Teenie-Wichteln waren sie allerdings äußerst populär. Vor allem ihre neugegründete Schülerband Glitzer Hotel brannte sich unmittelbar in die Herzen ihrer ersten Fans.

Nach mehreren Kreisen um den Tisch rutschte Bomm plötzlich auf dem Teppich aus, fiel hin und entdeckte unter dem Tisch die tränenüberströmte kleine Anna hocken. Als sie Bomm erblickte wischte sie sich rasch ihre Tränen von den Wangen und schüttelte energisch den Kopf, um ihm zu signalisieren, dass er sie nicht verraten sollte. Auch wenn die Jungs nach außen hin sehr hart wirkten, hatten sie einen sehr weichen und empathischen Kern und ließen nichts über ihre Familie oder ihre Freunde kommen. Bomm krabbelte mit schmerzendem Steißbein zu ihr unter den Tisch, nahm sie kurz in den Arm und half ihr dann unter diesem hervorzukrabbeln. Auch Till war aufgefallen, dass Anna weinte, doch auch er konnte schweigen, wie ein Grab. Die beiden waren sich stillschweigend einig, dass sie später darüber sprechen würden, sobald sie wieder in ihren Zimmern waren. Doch ihre Neugier war geweckt worden. Warum war ihre Schwester so traurig?

Die beiden zogen sich, nachdem es Anna wieder etwas besser ging, in ihr Zimmer zurück. Hier konnten sie ungestört reden, da ihre Eltern so gut wie nie hereinkamen. Zu verdanken hatten sie diesen Umstand aber nicht der Einhaltung der Privatsphäre, sondern eher daran, dass das Zimmer stehts unter einem riesengroßen Berg an Kleiderstücken, selbstgebauten Musikinstrumenten und Unmengen an Tannenzapfen unterging. Nur das gemütliche hölzerne Etagenbett klomm empor. Im hinteren Bereich des ovalen Zimmers befand sich eigentlich ein hübscher Schreibtisch mit zwei kleinen braunen Drehstühlen, die unter Belastung immer laut knarzten. Doch auch diese Möbel verschwanden unter großen bunten Wolldecken, die eines Tages auf mysteriöse Art und Weise aus der Stube entwendet wurden. Der Arbeitsbereich entwich einer kleinen kuschligen Räuberhöhle, ausgestattet mit Kissen, Glühwürmchen und noch mehr Zapfen. Hier wurden Geheimbotschaften ausgetauscht, Pläne geschmiedet und sehr viel Unfug vorbereitet.

Aber noch bevor sie darüber reden konnten, was mit ihrer Schwester los war, klopfte die Kleine an und trat in ihr Reich ein.

 Dann schüttete Anna den Zwillingen ihr Herz aus.